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Man kann mit Fug und
Recht behaupten, dass eine außergewöhnlich enge, liebevolle Beziehung zur
Jugend, die besonders während der Begegnungen der Weltjugendtage zum
Ausdruck kam, ein fundamentaler Bestandteil, ein herausragendes Charisma des
Pontifikats Johannes Paul II. darstellte; die Weltjugendtage waren
prophetische Ereignisse, die sich in einer Eigen - Dynamik, die nur von Hl.
Geist inspiriert worden sein kann, beinahe wie von selbst als Instrument der
Katechese und der Evangelisation für die Kirche verwirklichten.
Die ab 1984 regelmäßig
stattfindenden Treffen zwischen Johannes Paul II. und jungen Katholiken
aller Nationen haben in vielen jungen Leben Spuren hinterlassen, sie sind
bei vielen, auch mir persönlich bekannten Menschen Anlass einer radikalen
Bekehrung gewesen, sie haben Freundschaften, ja sogar Ehen gestiftet,
Berufungen zum geweihten Leben reifen lassen und sind Ursprung neuer
Gemeinschaften und Bewegungen innerhalb der katholischen Kirche geworden.
Wie kann es sein,
dass ein oft etwas abwertend als katholisches „Woodstock“ bezeichnetes
„Massenevent“ solch tief greifende Konsequenzen für die Kirche und das Leben
Einzelner nach sich zieht? Was war die Intention Johannes Paul II., die
Weltjugendtage zu initiieren? Was hat Millionen von jungen Menschen und mich
dazu bewogen, oft unter Entbehrungen, körperlichen Strapazen und großen
finanziellen Anstrengungen um den halben Erdball zu reisen, nur um einem
alten, frommen Mann zu begegnen, ihm zuzuhören?
Was suchten wir? Wem wollten wir begegnen? Was wollten wir hören?
„In den modernen Großstädten dieser Welt werdet ihr keinen Hirten finden,
der für seine Schafe sorgt“ rief Johannes Paul II. zu Beginn der abendlichen
Vigil des Weltjugendtages im August 1993 den 700 000 Jugendlichen in
Denver/USA zu; Denver, eben eine dieser glitzernden Großstädte mit seinen
Geldtempeln, Shopping - Malls, Wolkenkratzern und Straßenschluchten, in
denen sich die einzelnen Menschen in einer anonymen, beliebig
manipulierbaren Masse von einsamen Individuen verlieren. Einer Stadt, wie es
so viele in unserer modernen Welt gibt, Auswüchse und Spiegelbilder unserer
Gesellschaft, in der es zwar unendlich viele Manager, Chefs, Wortführer,
Idole, aber kaum mehr einen Hirten, einen Vater gibt.
Wo es keinen Vater gibt, gibt es auch keine Brüder und Schwestern.
Die aufgeklärte Gesellschaft von heute hat den Menschen an die Stelle
Gottes, des Vaters gestellt, und wenn der Mensch die Stelle Gottes einnimmt,
herrschen die Gesetze des Menschen, die das Recht des Stärkeren, aber eines
nicht kennen:
die Caritas, die Liebe.
Während der Vigil am Vorabend des 15. August 1993 im Cherry Creek Park bei
Denver hatte eine Handvoll Jugendlicher die Gelegenheit, vor dem Papst und
Tausenden von jungen Menschen ein persönliches Zeugnis abzulegen.
Sie sprachen über ihre Lebensgeschichte, darüber, wie Krankheit,
Entwurzelung durch Immigration und zerstörte Familien, Krieg, Gewalt und
Orientierungslosigkeit sie oftmals am Sinn ihres Lebens zweifeln ließen,
weil sie nirgends und bei niemandem eine Antwort auf ihre existenziellen
Fragen und Ängste, der Suche nach der Fülle des Lebens, nach Liebe und
Anerkennung finden konnten.
Viele von ihnen bezeugten unter Tränen ihren Glauben an Jesus Christus, die
Begegnung mit ihm und Entdeckung seiner Liebe durch die Gemeinschaft der
Kirche, die sie buchstäblich aus der Hoffnungslosigkeit und Resignation, aus
dem unendlich großen menschlichen Leid gerettet hat.
Johannes Paul II.
antwortete den Jugendlichen mit der Parabel des „guten Hirten“:
„Der gute Hirte, welch schönes Bild von Gott! Es vermittelt etwas Tiefes
und Persönliches über die Weise, wie Gott für alle sorgt, die er geschaffen
hat.“
Der Papst fuhr fort:
„Unser unruhiges Herz sucht weit über unsere Grenzen hinaus mit dem Elan
unserer Fähigkeit zu denken und zu lieben: das Unmessbare zu denken und zu
lieben, das Unendliche, die absolute Form und das höchste Sein. Unser
innerer Blick gilt dem unbegrenzten Horizont unserer Hoffnungen und Wünsche.
Und inmitten aller Widersprüche im Leben suchen wir nach dem wirklichen Sinn
des Lebens. Wir wundern uns und fragen:
Warum? Warum bin ich hier? Was muss ich tun?
Wir alle stellen uns diese Fragen. Auch die Menschheit als Ganze spürt die
dringende Notwendigkeit, einer Welt Sinn und Ziel zu geben, wo alles
komplizierter wird und die Schwierigkeit, glücklich zu sein, zunimmt.“
„Jesus selbst ist die Antwort, seine Antwort ist die Liebes-Erklärung
Gottes, der fundamentalste Punkt der Offenbarung der Evangelien: Gottes
Fürsorge und Liebe für alles, was er geschaffen hat.
Die Antwort finden wir in der Parabel des guten Hirten. Christus sagt: „Der
gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe“ (Joh. 10,11)
Ja, der gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe, „um es wieder zu nehmen“
(Joh. 10,17). Und in diesem neuen Leben durch die Auferstehung, wurde er,
nach den Worten des hl. Paulus, lebensspendender Geist, der nun das Leben
denen schenkt, die an ihn glauben.
In ihm haben wir das Leben, denn: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben
haben und es in Fülle haben.“ (Joh. 10,10)
Nur der gute Hirte wird Euch zur vollen Wahrheit über das Leben hinführen.
Nur durch das Hören auf die Stimme Gottes in Eurem Innersten erreicht ihr
die Freiheit, nach der ihr sucht.“
(Auszüge der Homilie Johannes Paul II. am 14.08.1993 in Denver, entnommen
aus „www.vatican.va“, meine Übersetzung aus dem Englischen bzw. Spanischen).
Was also suchten und fanden schließlich wir, die jungen Leute, in der
Begegnung mit Johannes Paul II. und untereinander?
Es war die Verkündigung der Wahrheit über uns selbst, die Antwort auf alle
unsere Fragen. die wir so klar und deutlich zuvor vielleicht noch nie in
unserem Leben hören konnten, die Verkündigung der Wahrheit über die Würde
unserer Person als von Gott geliebte, einzigartige Menschen, die den Sinn
unserer Existenz begründet.
Eine Würde, die sich in Jesus Christus selbst geoffenbart hat, dem wir so
viel wert waren, dass er aus Liebe zu jedem einzelnen am Kreuz gestorben
ist, für die Schwachen, Suchenden, Leidenden, für die Sünder - für uns.
Die Verkündigung des Kerygma durch den Nachfolger Petri in Person
eines alten, weissgekleideten Mannes, von dem wir sicher wussten, dass er
uns liebte.
Wir wussten das, weil er uns kannte und daher ernst nahm, denn er hatte wie
wir in seinem Leben das menschliche Leid erfahren, und weil er stets,
selbst als seine körperlichen Kräfte schwanden, bereit war, unseren Fragen
zuzuhören und vor uns allen seinen Glauben an Christus zu bezeugen.
Er war authentisch und das überzeugte uns.
Wir hatten in Johannes Paul II. einen Hirten und Vater gefunden, nach dem
viele von uns lange gesucht hatten, einen Hirten und Vater, uns eine Würde
als von Gott erschaffene und geliebte Menschen zusprach. Der jedem Einzelnen
von uns eine menschliche Größe zugestand, die Fähigkeit und auch die
Verantwortung das Antlitz dieser Welt zu verändern, indem wir durch unser
Leben Christus bezeugen.
Ein Vater und Hirte, der niemals müde wurde, unseren Blick und unsere Herzen
auf Jesus Christus zu lenken, der uns und unsere Geschicke für so immens
wichtig hielt, dass er darauf bestand, uns Jugendliche aus aller Welt
regelmäßig zu treffen und uns so zu Brüder und Schwestern in Christus werden
ließ
- zur Koinonia.
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