JOHANNES PAUL II

Zusammen mit den neokatechumenalen Gemeinschaften Deutschlands bin ich viele Male der Einladung Johannes Paul II. zum Weltjugendtag gefolgt; eine Einladung, die mich nach Tschenstochau, Denver, Manila, Paris und schließlich im Heiligen Jahr 2000 nach Rom führte.
Die Treffen mit Johannes Paul II. und Tausenden von Jugendlichen aller Welt, eingebettet in Gebet, Katechesen und gemeinsame Liturgien mit meiner Gemeinschaft stellten in meinem Leben als junge Katholikin jeweils eine Etappe dar, einen Meilenstein, der meinen persönlichen Glauben, meine Beziehung zu Christus stärkte und meine Bindung zur Kirche vertiefte, mehr noch:
sie waren eine tiefe Erfahrung der Vorsehung Gottes, einer ständigen Katechese, des Empfangs der Sakramente, Worte, Ereignisse und Begegnungen, eine Erfahrung der Koinonia, der Einheit mit der Kirche, mit den Brüdern und Schwestern aus aller Welt und mit einem Papst, der vielen jungen Menschen, auch mir, zum Vater und Lehrer geworden war, ein Vater, der uns gegenüber oft anspruchsvoll, fordernd und streng war, gerade weil er uns liebte.

      
Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass eine außergewöhnlich enge, liebevolle Beziehung zur Jugend, die besonders während der Begegnungen der Weltjugendtage zum Ausdruck kam, ein fundamentaler Bestandteil, ein herausragendes Charisma des Pontifikats Johannes Paul II. darstellte; die Weltjugendtage waren prophetische Ereignisse, die sich in einer Eigen - Dynamik, die nur von Hl. Geist inspiriert worden sein kann, beinahe wie von selbst als Instrument der Katechese und der Evangelisation für die Kirche verwirklichten.

Die ab 1984 regelmäßig stattfindenden Treffen zwischen Johannes Paul II. und jungen Katholiken aller Nationen haben in vielen jungen Leben Spuren hinterlassen, sie sind bei vielen, auch mir persönlich bekannten Menschen Anlass einer radikalen Bekehrung gewesen, sie haben Freundschaften, ja sogar Ehen gestiftet, Berufungen zum geweihten Leben reifen lassen und sind Ursprung neuer Gemeinschaften und Bewegungen innerhalb der katholischen Kirche geworden.

Wie kann es sein, dass ein oft etwas abwertend als katholisches „Woodstock“ bezeichnetes „Massenevent“ solch tief greifende Konsequenzen für die Kirche und das Leben Einzelner nach sich zieht? Was war die Intention Johannes Paul II., die Weltjugendtage zu initiieren? Was hat Millionen von jungen Menschen und mich dazu bewogen, oft unter Entbehrungen, körperlichen Strapazen und großen finanziellen Anstrengungen um den halben Erdball zu reisen, nur um einem alten, frommen Mann zu begegnen, ihm zuzuhören?
Was suchten wir? Wem wollten wir begegnen? Was wollten wir hören?

„In den modernen Großstädten dieser Welt werdet ihr keinen Hirten finden, der für seine Schafe sorgt“ rief Johannes Paul II. zu Beginn der abendlichen Vigil des Weltjugendtages im August 1993 den 700 000 Jugendlichen in Denver/USA zu; Denver, eben eine dieser glitzernden Großstädte mit seinen Geldtempeln, Shopping - Malls, Wolkenkratzern und Straßenschluchten, in denen sich die einzelnen Menschen in einer anonymen, beliebig manipulierbaren Masse von einsamen Individuen verlieren. Einer Stadt, wie es so viele in unserer modernen Welt gibt, Auswüchse und Spiegelbilder unserer Gesellschaft, in der es zwar unendlich viele Manager, Chefs, Wortführer, Idole, aber kaum mehr einen Hirten, einen Vater gibt.
Wo es keinen Vater gibt, gibt es auch keine Brüder und Schwestern.
Die aufgeklärte Gesellschaft von heute hat den Menschen an die Stelle Gottes, des Vaters gestellt, und wenn der Mensch die Stelle Gottes einnimmt, herrschen die Gesetze des Menschen, die das Recht des Stärkeren, aber eines nicht kennen:
die Caritas, die Liebe.

Während der Vigil am Vorabend des 15. August 1993 im Cherry Creek Park bei Denver hatte eine Handvoll Jugendlicher die Gelegenheit, vor dem Papst und Tausenden von jungen Menschen ein persönliches Zeugnis abzulegen.
Sie sprachen über ihre Lebensgeschichte, darüber, wie Krankheit, Entwurzelung durch Immigration und zerstörte Familien, Krieg, Gewalt und Orientierungslosigkeit sie oftmals am Sinn ihres Lebens zweifeln ließen, weil sie nirgends und bei niemandem eine Antwort auf ihre existenziellen Fragen und Ängste, der Suche nach der Fülle des Lebens, nach Liebe und Anerkennung finden konnten.
Viele von ihnen bezeugten unter Tränen ihren Glauben an Jesus Christus, die Begegnung mit ihm und Entdeckung seiner Liebe durch die Gemeinschaft der Kirche, die sie buchstäblich aus der Hoffnungslosigkeit und Resignation, aus dem unendlich großen menschlichen Leid gerettet hat.

Johannes Paul II. antwortete den Jugendlichen mit der Parabel des „guten Hirten“:
Der gute Hirte, welch schönes Bild von Gott! Es vermittelt etwas Tiefes und Persönliches über die Weise, wie Gott für alle sorgt, die er geschaffen hat.“
Der Papst fuhr fort:
„Unser unruhiges Herz sucht weit über unsere Grenzen hinaus mit dem Elan unserer Fähigkeit zu denken und zu lieben: das Unmessbare zu denken und zu lieben, das Unendliche, die absolute Form und das höchste Sein. Unser innerer Blick gilt dem unbegrenzten Horizont unserer Hoffnungen und Wünsche. Und inmitten aller Widersprüche im Leben suchen wir nach dem wirklichen Sinn des Lebens. Wir wundern uns und fragen:
Warum? Warum bin ich hier? Was muss ich tun?
Wir alle stellen uns diese Fragen. Auch die Menschheit als Ganze spürt die dringende Notwendigkeit, einer Welt Sinn und Ziel zu geben, wo alles komplizierter wird und die Schwierigkeit, glücklich zu sein, zunimmt.“


„Jesus selbst ist die Antwort, seine Antwort ist die Liebes-Erklärung Gottes, der fundamentalste Punkt der Offenbarung der Evangelien: Gottes Fürsorge und Liebe für alles, was er geschaffen hat.
Die Antwort finden wir in der Parabel des guten Hirten. Christus sagt: „Der gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe“ (Joh. 10,11)
Ja, der gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe, „um es wieder zu nehmen“ (Joh. 10,17). Und in diesem neuen Leben durch die Auferstehung, wurde er, nach den Worten des hl. Paulus, lebensspendender Geist, der nun das Leben denen schenkt, die an ihn glauben.
In ihm haben wir das Leben, denn: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh. 10,10)
Nur der gute Hirte wird Euch zur vollen Wahrheit über das Leben hinführen. Nur durch das Hören auf die Stimme Gottes in Eurem Innersten erreicht ihr die Freiheit, nach der ihr sucht.“

(Auszüge der Homilie Johannes Paul II. am 14.08.1993 in Denver, entnommen aus „www.vatican.va“, meine Übersetzung aus dem Englischen bzw. Spanischen).

Was also suchten und fanden schließlich wir, die jungen Leute, in der Begegnung mit Johannes Paul II. und untereinander?

Es war die Verkündigung der Wahrheit über uns selbst, die Antwort auf alle unsere Fragen. die wir so klar und deutlich zuvor vielleicht noch nie in unserem Leben hören konnten, die Verkündigung der Wahrheit über die Würde unserer Person als von Gott geliebte, einzigartige Menschen, die den Sinn unserer Existenz begründet.
Eine Würde, die sich in Jesus Christus selbst geoffenbart hat, dem wir so viel wert waren, dass er aus Liebe zu jedem einzelnen am Kreuz gestorben ist, für die Schwachen, Suchenden, Leidenden, für die Sünder - für uns.
Die Verkündigung des Kerygma durch den Nachfolger Petri in Person eines alten, weissgekleideten Mannes, von dem wir sicher wussten, dass er uns liebte.
Wir wussten das, weil er uns kannte und daher ernst nahm, denn er hatte wie wir in seinem Leben das menschliche Leid erfahren, und weil er stets, selbst als seine körperlichen Kräfte schwanden, bereit war, unseren Fragen zuzuhören und vor uns allen seinen Glauben an Christus zu bezeugen.
Er war authentisch und das überzeugte uns.

Wir hatten in Johannes Paul II. einen Hirten und Vater gefunden, nach dem viele von uns lange gesucht hatten, einen Hirten und Vater, uns eine Würde als von Gott erschaffene und geliebte Menschen zusprach. Der jedem Einzelnen von uns eine menschliche Größe zugestand, die Fähigkeit und auch die Verantwortung das Antlitz dieser Welt zu verändern, indem wir durch unser Leben Christus bezeugen.
Ein Vater und Hirte, der niemals müde wurde, unseren Blick und unsere Herzen auf Jesus Christus zu lenken, der uns und unsere Geschicke für so immens wichtig hielt, dass er darauf bestand, uns Jugendliche aus aller Welt regelmäßig zu treffen und uns so zu Brüder und Schwestern in Christus werden ließ
- zur Koinonia.

 

 

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